Wenn wir etwas erfahren, erfahren wir immer auch Zeit. Unser Sprachgebrauch deutet darauf hin, dass die Zeit etwas Greifbares sei: Redewendungen wie „Zeit messen“, „Zeit verlieren“ oder „Zeit stehlen“ lassen die Zeit materiell wirken. Entsprechend verwirrt sind wir, wenn wir bei genauerer Betrachtung feststellen, dass sie vielleicht gar nicht existiert, in jedem Fall nicht greifbar ist. Dieser Umgang mit der Zeit in unserer Sprache nimmt nicht zuletzt einen großen Einfluss auf unser Verhalten gegenüber der Zeit generell. Auch die Differenz zwischen mechanisch gemessener und emotional wahrgenommener Zeit trägt zu unserem Unwissen und somit zu unserer Faszination – oder vielleicht auch Obsession – für das Thema „Zeit“ bei. Denn die Zeit unserer Gesellschaft scheint immer knapper zu werden und somit wird sie uns auch immer wertvoller. Die Omnipräsenz der Aussage „Ich habe keine Zeit“ und die Beobachtung eines rasenden Alltags, bei dem die Tage und Wochen immer schneller vergehen, vermitteln eben diese Knappheit sehr eindrücklich.

So passiert es, dass unsere moderne Gesellschaft immer mehr die Dauer und die Langsamkeit von Momenten missachtet, welche durch Ablenkung und Effizienz unterdrückt werden. Immer mehr steht im Vordergrund, wie viel man in wie wenig Zeit schaffen kann. Dank technologischer Neuerungen wird unser Alltag – besonders unser Arbeitsalltag – von Jahr zu Jahr effizienter. Mit der unmittelbaren Kommunikationsgeschwindigkeit von Smartphone und E-Mail schrumpft unsere allgemeine Toleranz gegenüber der Langsamkeit immer mehr. Durch lange Arbeitszeiten wird häufig auch die Freizeit als knapp betrachtet, dies wiederum führt dazu, dass wir auch dort in möglichst wenig Zeit möglichst viel „schaffen“ — erleben — wollen. So ergeben wir uns in allen Lebensbereichen immer mehr der Eile. Im Grunde genommen ist dies kein Problem, solange es für die einzelne Person keine Belastung darstellt. Wenn man jedoch beginnt, diese Schnelligkeit als unangenehm wahrzunehmen, wird es Zeit, sich wieder Zeit zu nehmen, oder vielmehr auf seine Zeit zu achten.

Dieser Erkenntnis widmet sich mein Diplom. Anhand von drei Postern, welche sich mit der Zeit verändernden, wird der Betrachter eingeladen zu verweilen und die positive Bedeutung von Langsamkeit und Dauer für sich wieder zu entdecken. Die Farben der grafischen Verläufe erinnern an Sonnenuntergänge, die mit dem Wechsel von Tag zu Nacht die ursprünglichste Form der Zeiteinheit für uns Menschen bildet. Bei dieser Arbeit geht es darum, die Art und Weise, wie man mit Zeit umgeht, zu überdenken und so vielleicht eine neue, fortan langsamere „Zeit Weise“ für sich zu finden.

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