In dem bekannten platonischen Dialog mit Parmenides ist sich der junge Sokrates sehr sicher, dass es zwar die Idee des Guten und überhaupt nobler Dinge geben muss, nicht aber Ideen von derart unnützen und heruntergekommen Dingen wie Müll oder Kot. Als ich die Arbeit »Crossthings« von Florian Renschke sah, kamen mir die ausgestellten Gläser auf den ersten Blick wie Mutationen vor. Ich musste an verrückte Wissenschaftler mit wirren weißen Haaren denken, die mittels kruder Experimente unschuldige junge Damen in bestialische Freaks verwandeln. Erst nachdem ich die Infografiken der Dokumentation studiert hatte, war ich beruhigt, zu wissen, dass hier alles mit rechten Dingen zugeht: Die merkwürdigen Formen und Auswüchse dieser Gläser sind kein Wildwuchs, sondern Ergebnisse einer logischen, nachvollziehbaren Regel.

Ohne es zu bemerken, musste sich dabei ein Gedanke in meinem Kopf verfangen haben, der mich seitdem beschäftigt. Der Untertitel der Arbeit lautet »Frei nach Mendel«, und ich erinnerte mich blass an langweilige Biologie-Stunden, in denen uns die Vererbungsregeln beigebracht wurden. Aber irgend etwas war bei diesen Gläsern anders, und als mir klar wurde, was das ist, fasste ich den Entschluss, »Crossthings« für den Ehrenpreis vorzuschlagen.

Florian Renschke verwendet die Mendelschen Vererbungsregeln, um etwas Neues herzustellen. Dazu eignen sich diese Regeln besonders gut, weil sie nicht zwischen noblem Fortschritt und unnützer Mutation unterscheiden. Wenn der junge Sokrates jenen untauglichen Hybrid aus Wein- und Schnapsglas gesehen hätte, er hätte ihn wahrscheinlich auf den Müll geworfen; das Diplomprojekt von Herrn Renschke hätte er durchfallen lassen und wäre sicher nicht auf die Idee gekommen, es für einen Designpreis vorzuschlagen. Das spektakuläre an »Crossthings« sind nun aber nicht die Gläser oder die Infografiken allein, sondern die Interpretation einer logischen Regel als Gestaltungsprinzip. Denn die Arbeit im Ganzen gibt eine Antwort auf die Frage, wie es überhaupt möglich ist, dass etwas Neues entsteht, und diese Antwort ist so einfach wie verblüffend: Neue Dinge entstehen durch die logische Kombination von unterschiedlichen alten Dingen. Es sind also durchaus Gläser, aber eben vollkommen neue. Mir gefällt dieser Gedanke, weil er den platonischen Ideenhimmel Himmel sein lässt und zugleich die kreativen Ideen der Designer als Neuschöpfungen anerkennt.

Übrigens sind die Mendelschen Regeln nicht der Code der Neuschöpfungen schlechthin. Sie bilden lediglich eines von vielen möglichen Innovationsgesetzen. »Crossthings« zeigt auf, dass es solche Gesetze gibt und wie der Prozess der Neuschöpfung konkret funktioniert, wenn ein bestimmtes Gesetz angewendet wird.

Von Hannes Herold als Plädoyer für den Ehrenpreis für Gestaltung 2012


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