Dankeschön
Für einen einzigen Tag lebte am 30. Januar 2007 am Olbrichweg 10, auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, ein Gestaltungswesen: ein Thing-um-a-jig. Als ephemere Einheit durch eine Blitzaktion sichtbar geworden, war es zuvor in 36 arbeitsreichen Studienjahren am Fachbereich Gestaltung herangewachsen; betrachtet man die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe als Ausgangspunkt, so dauerte die Entwicklung sogar 100 lange Jahre. Das Wesen, Auslöser für Diskurse und Materialspender für die Bilder und Beiträge dieser Zeitungsbeilage, zeigte sich an diesem, seinem Tag von 10:00 bis 20:00 Uhr als eine Anhäufung von Dingen, als Bricolage aus Funktionen, Gedanken und Inhalten, Papier, Metall, Plastik, Farben und Glas, aus Luft, Nägeln, Kleidern, Möbeln, Prototypen und industriellen Erzeugnissen. Das monströse, in die Gegenwart gestellte und begehbare Gebilde aus 284 Vergangenheitszeugnissen war Teil unseres Rituals, das Sammelsurium des Verflossenen zu sichten, Abschied zu nehmen, Distanz zu gewinnen und Platz zu schaffen für Neues.
»Ganz sicher gibt es etwas Ähnliches am Fachbereich Gestaltung so schnell nicht wieder« hatte Prof. Peter von Kornatzki vor 31 Jahren in der ersten Ausgabe der Zeitung »Olbrichweg 10« geschrieben, »vielleicht erscheint sie wirklich nur einmal«. Nun, über die Jahre entstanden am Fachbereich viele Publikationen, aber tatsächlich war darunter nie mehr ein »Olbrichweg 10«, bis auf heute, wo Sie die zweite Ausgabe in Händen halten. Aufgetaucht ist die Idee dazu an einem sonnigen Sommertag 2006, als ich mit Bernd Meissner über Peter von Kornatzkis »Prophezeiungen« aus dem Jahre 1976 sprach. Was wir mit der aktuellen Ausgabe der Zeitung bewusst nicht wollten, war eine Werkschau und Retrospektive der letzten 31 Jahre.
Ziel dieser zweiten Ausgabe »Olbrichweg 10« ist es, das aktuelle Profil des Fachbereichs Gestaltung in die Öffentlichkeit zu tragen: schnappschussartig, pointiert, zuweilen irritierend und durchaus auch provokativ. Als Teil des Projektes ist die Zeitung verbunden mit der Inszenierung unseres absonderlichen Kolosses.
Das Etwas, welches sieben Studierende für den 30. Januar 2007 entwickelten und in der Aula aufbauten, ist der andere Teil des Projektes. Das Gebilde ist eine Plattform. Es vermittelt keine Wertung, es erzählt. In den vielen, von den Betrachtenden selbst zu ordnenden Entitäten werden Gewohnheiten, Geschichte und Geschichten erkennbar, erahnbar oder gar fremd. Jeder einzelne Gegenstand ist eine mit Bedacht ausgewählte Gabe. Spender waren 49 Personen, Dozenten, Mitarbeitende und Techniker aus dem gesamten Fachbereich. Die Einzelobjekte und ihre Vernetzungen und Kettenbildungen, Schnittstellen und Zusammenhänge, das Nebeneinander und Übereinander helfen, Einsichten zu gewinnen, Verlinkungen zu erkennen und neue Denkweisen auszubilden. In seiner temporären Bescheidenheit erzählt es als Gesamtheit verschiedene Geschichten, wahre und erfundene.
Das Ding, das Wesen war eine »Eintagsfliege«, eine Momentaufnahme – wie eine Tageszeitung. Here today, gone tomorrow. Es war ein vergängliches Artefakt, für kurze Dauer festgefrorene Zeit – ein Schatten von Erfahrungen. Wir wollten damit zum Reflektieren anregen und uns von aussen, statt von innen, betrachten lassen. Personen aus verschiedenen Disziplinen waren eingeladen, die sperrige Kreation zu besehen, sie zu begehen und ihre Gedanken dazu in Wortbeiträgen für diese Zeitung zu äussern. Während Studentinnen und Studenten Angehörige des Fachbereichs erst am Morgen des 30. Januars über Plakate von der Existenz der Tages-Installation erfahren konnten, haben wir die Autorinnen und Autoren unserer Beiträge vorher informiert.
Wir alle hoffen, dass diese Zeitungsbeilage länger als einen Tag leben und wirken wird. Und wir laden Sie, unsere Leserinnen und Leser, ein, sich Gedanken für eine dritte Ausgabe des »Olbrichweg 10« zu machen. Ich wünsche mir, dass es bis zu ihrem Erscheinen nicht noch einmal 31 Jahre dauert.
SH
Students: Mathias Biegel, Lukas Breitkreutz, Michaela Dechert, Sebastian Esche, Gina Mönch, Romero Steinhauser, John Russo.